Schweinswale unter Druck

Sinkende Pegelstände stellen das Projekt Schweinswal vor neue Herausforderungen. Besonders im Bereich unterhalb von Schloss Waldeck wird der Lebensraum für die Tiere zunehmend knapp.

Niedrigwasser am Edersee mit Schloss Waldeck im Hintergrund.

Was für Spaziergänger und Urlauber einen ungewöhnlichen Blick auf die Uferlandschaft ermöglicht, bereitet dem Projektteam zunehmend Sorgen. Durch den niedrigen Wasserstand des Edersees gehen wichtige Rückzugsräume der limnischen Schweinswalpopulation verloren.

Tiere weichen in das Waldecker Becken aus

Die Schweinswale reagieren auf den sinkenden Pegel und verlagern ihren Aufenthaltsbereich zunehmend in die verbliebenen tieferen Zonen. Aktuelle Beobachtungen zeigen insbesondere unterhalb von Schloss Waldeck eine auffällige Konzentration der Tiere.

Projektleiter Dr. Mike Weishaar, verantwortlich für Forschung und wissenschaftliche Entwicklung, beobachtet die Situation mit Sorge:

„Unsere Messungen zeigen, dass nicht allein die verbleibende Wassermenge entscheidend ist. Kritisch ist vor allem das Verhältnis von Wassertiefe, Temperatur und verfügbarer Tauchstrecke. Irgendwann ist ein See zwar noch ein See – aus Sicht eines Schweinswals aber eigentlich nur noch eine sehr große Pfütze.“

Das Projektteam untersucht deshalb derzeit, ab welcher Wassertiefe sich das natürliche Tauchverhalten verändert.

Dr. Mike Weishaar bei einer hydroakustischen Messfahrt auf dem Edersee.

Erste Beobachtungen deuten darauf hin, dass einzelne Tiere bereits eine ungewöhnliche seitliche Schwimmtechnik entwickelt haben. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Anpassung an den begrenzten Tiefgang handelt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.

Sichtungen nehmen zu

Mit sinkendem Wasserstand werden Schweinswale auch für Besucher häufiger sichtbar.

Besonders aus den Bereichen mit verbleibenden Fahrrinnen erreichen das Projektteam derzeit vermehrt Sichtungsmeldungen. Oft sind dabei nur Rücken oder Rückenfinne für wenige Sekunden zu erkennen.

Zwei Schweinswale in der verbliebenen Wasserfläche bei Niedrigwasser.

Das Projekt bittet darum, solche Beobachtungen möglichst mit Ort, Uhrzeit und Foto zu melden. Auch unscharfe oder weit entfernte Aufnahmen können für die Auswertung hilfreich sein.

Nahrungssituation verändert sich

Auch René Weishaar, im Projekt für Ernährung und kulinarische Integration verantwortlich, beobachtet Veränderungen.

Mit sinkendem Wasserstand verändern sich Aufenthaltsorte und Zusammensetzung der Fischbestände. Das wirkt sich unmittelbar auf das Nahrungsangebot der Schweinswale aus.

Weishaar, der als Koch unter anderem regelmäßig Künstler und Musiker im Umfeld von RADIO BOB! bekocht, sieht darin jedoch nicht ausschließlich ein Problem:

„Ein Schweinswal ist erstaunlich flexibel, wenn man ihm vernünftige Zutaten anbietet. Schwieriger ist es, ihm zu erklären, warum die Küche jetzt 300 Meter weiter draußen liegt.“

Im Rahmen einer kontrollierten Fütterungsstudie untersucht das Projekt derzeit, ob sich zeitweise auftretende Versorgungslücken durch regional verfügbare Fischarten ausgleichen lassen.

René Weishaar bei der Fütterungsstudie am Edersee.

Eine dauerhafte Gewöhnung der Tiere an zugefütterte Nahrung soll ausdrücklich vermieden werden. Ziel ist lediglich, die Tiere während außergewöhnlicher Niedrigwasserphasen zu stabilisieren.

Großkurth zieht sich aus aktiver Projektarbeit zurück

Nicht mehr unmittelbar an den Untersuchungen beteiligt ist Karl Großkurth.

Der langjährige landwirtschaftliche Reproduktionsexperte gehörte insbesondere während der Aufbauphase zu den wichtigsten Beratern des Projekts. Zu Beginn des Jahres 2026 zog sich Großkurth altersbedingt aus der aktiven Projektarbeit zurück.

Seine Erfahrungen auf dem Gebiet der Reproduktionsbiologie haben wesentlich dazu beigetragen, die Grundlagen für das bis heute umstrittene Zuchtprogramm des Projekts zu entwickeln.

Dem Projekt Schweinswal bleibt Großkurth beratend verbunden.

Rückzugszonen eingerichtet

Als unmittelbare Reaktion auf das Niedrigwasser wurden besonders tiefe Bereiche des Edersees als Schweinswal-Rückzugszonen ausgewiesen.

Wassersportler werden gebeten, erkennbare Tiere weiträumig zu umfahren. Insbesondere zwischen Waldeck und der Staumauer muss derzeit mit Schweinswalen gerechnet werden, die ungewöhnlich häufig an der Oberfläche erscheinen.

Eine künstliche Vertiefung einzelner Ruhezonen wurde ebenfalls untersucht. Die Idee wird momentan jedoch nicht weiterverfolgt.

Dr. Weishaar:

„Wir hätten mehrere zehntausend Kubikmeter Sediment bewegen müssen. Und irgendwann muss man sich als Wissenschaftler auch die Frage stellen, ob man gerade noch einen Lebensraum schützt oder bereits einen Swimmingpool für Schweinswale baut.“

Bitte Sichtungen melden

Für Badegäste besteht weiterhin kein Grund zur Sorge. Schweinswale gelten als scheu und meiden normalerweise den unmittelbaren Kontakt mit Menschen.

Bei starkem Niedrigwasser können einzelne Tiere allerdings ungewöhnlich nah an das Ufer gelangen.

Wichtig: Bitte versuchen Sie nicht, Schweinswale eigenständig ins tiefere Wasser zu tragen, zu ziehen oder zu schieben.

Sichtungen können dem Projektteam mit Ort, Uhrzeit und möglichst einem Foto gemeldet werden.

Gerade während der aktuellen Niedrigwasserphase sind Beobachtungen aus der Bevölkerung für die wissenschaftliche Arbeit besonders wertvoll.